Vom Hass zum Neuanfang

Warum zweite Chancen im Leben möglich sind

Im Rahmen des JVA-Unterrichts hatten die WbK-Kurse am 23.03.26 die Gelegenheit, Ingo Hasselbach live zu erleben. Der frühere Rechtsextremist sprach über seinen Weg in die Szene, über Gewalt, Schuld und Verantwortung – vor allem aber über die Frage, ob ein Mensch sich wirklich ändern kann. Gerade für unsere Schule, deren Leitgedanke es ist, Menschen eine zweite Chance zu geben, war dieser Vortrag von besonderer Bedeutung.

Hasselbach gehörte Anfang der 1990er Jahre zu den führenden Köpfen der rechtsextremen Szene in Ostdeutschland. In den Medien wurde er damals sogar als „Führer von Berlin“ bezeichnet. Nach der Wiedervereinigung versuchten rechte Gruppen zunächst, auf legalem Weg politischen Einfluss zu gewinnen. Als das kaum gelang, radikalisierten sich Teile der Szene weiter. Gewalt wurde nicht mehr nur in Kauf genommen, sondern zunehmend als politisches Mittel begriffen.

Besonders eindrücklich war, wie Hasselbach die Mechanismen dieser Radikalisierung beschrieb. Junge Menschen, so wurde deutlich, suchten in Zeiten von Unsicherheit, Orientierungsverlust und gesellschaftlichem Umbruch nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Halt. Die Szene bot genau das – und funktionierte nach seinen Worten in vielem „wie eine Sekte“: als abgeschlossener Kreis mit klaren Feindbildern, starker Bindung und hohem Druck nach innen wie nach außen. Gerade deshalb, so wurde im Vortrag spürbar, ist der Ausstieg nicht nur ein politischer, sondern auch ein persönlicher Bruch.

Der Wendepunkt kam, als Hasselbach mit den Folgen dieser Ideologie unmittelbar konfrontiert wurde. Die rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und die tödliche rechte Gewalt der frühen 1990er Jahre machten ihm deutlich, dass aus Parolen reale Taten wurden. Er erkannte, dass er nicht nur Zuschauer war, sondern Mitverantwortung trug – als jemand, der mit Worten, Auftreten und Haltung den Boden für Gewalt mitbereitet hatte.

Schließlich entschloss er sich zum Ausstieg. Kritische Fragen eines Dokumentarfilmers, die wachsende Gewaltbereitschaft der Szene und die tödlichen Folgen rechter Hetze führten dazu, dass er sein früheres Leben nicht länger verdrängen konnte. Er tauchte zeitweise im Ausland unter, doch die Bedrohung hörte nicht auf. Auch seine Familie wurde massiv eingeschüchtert; die Eskalation gipfelte in einer Briefbombe an seine Mutter. Danach gab Hasselbach der Polizei Informationen über Strukturen und Waffenlager der rechten Szene.

Besonders nachdrücklich war seine Haltung zur Frage der zweiten Chance. Hasselbach machte deutlich, dass er heute nur deshalb als Mahner und Zeitzeuge auftreten kann, weil auch ihm die Möglichkeit gegeben wurde, nicht auf seine dunkelste Vergangenheit reduziert zu werden. Gerade darin liegt eine starke Botschaft: Menschen dürfen Verantwortung für ihr Handeln nicht abstreifen – aber sie dürfen die Chance bekommen, sich zu verändern.

Dass dieser Vortrag im Rahmen des JVA-Unterrichts stattfand, unterstrich diese Aussage zusätzlich. Gerade dort, wo Biografien oft von Brüchen, Schuld und Neuanfängen geprägt sind, gewinnt der Gedanke der zweiten Chance besonderes Gewicht. Der Vortrag zeigte damit auch, dass Bildung mehr sein kann als reine Wissensvermittlung. Sie kann Menschen dazu befähigen, das eigene Leben neu zu betrachten, Verantwortung zu übernehmen und andere Wege einzuschlagen.

Hasselbachs weiterer Lebensweg verleiht dieser Botschaft zusätzlich Glaubwürdigkeit. Nach seinem Ausstieg setzte er sich publizistisch mit Rechtsextremismus, Gewalt und gesellschaftlicher Verantwortung auseinander, später fand er beim Film eine neue berufliche Perspektive. Entscheidend ist dabei nicht der äußere Erfolg seiner Biografie, sondern die innere Konsequenz: Wer Schuld auf sich geladen hat, bleibt dennoch nicht zwangsläufig auf sein schlimmstes Kapitel festgelegt. Eine zweite Chance bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, sondern sich ihr zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und sich einen neuen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten.

Auch mit Blick auf die Gegenwart bezog Hasselbach klar Stellung. Man müsse mit Menschen reden, sagte er. Wer nicht mehr miteinander spreche, überlasse Menschen ihren abgeschlossenen Kreisen. Gerade darin lag eine weitere wichtige Botschaft des Vortrags: Veränderung beginnt oft dort, wo Menschen nicht vorschnell aufgegeben werden.

Der Vortrag hinterließ deshalb nicht nur als Bericht eines Aussteigers Eindruck. Er war auch ein starkes Plädoyer für Verantwortung, Veränderung und Menschlichkeit. Für eine Schule der Erwachsenenbildung, die an zweite Chancen glaubt, hätte es kaum eine passendere Botschaft geben können.

Weiterführende Links zu Ingo Hasselbach

Kurzüberblick

  • Interview der Konrad-Adenauer-Stiftung
    Ingo Hasselbach im kurzen Video-Interview (6:40 Min.)
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  • Bundeszentrale für politische Bildung
    Vom Neonazi-Aussteiger ins Oscar-Team
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Interviews und persönliche Einblicke

  • Elementarfragen, Teil 1
    Meine Entwicklung zum Neonazi begann im DDR-Gefängnis
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  • Elementarfragen, Teil 2
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  • YouTube
    Im Verhör: Ingo Hasselbach – „Der Führer von Berlin“
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  • STRG_F
    Neonazi-Aussteiger: „Wir wollten den Umsturz“ (28 Min.)
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Vertiefung zum Thema Rechtsextremismus